Der Friesoyther Pestschinken

Gogericht auf dem Desum verhandelt über einen historischen Fall

Emstek / 28.06.2025. Jedes Jahr am Samstag nach Johanni (24. Juni; Geburt Johannes des Täufers) lädt die Interessengemeinschaft „Altes Gogericht auf dem Desum“ e.V. unter Vorsitz von Georg Meyer-Nutteln zum Gogerichtstag ein. In seiner Begrüßung erwähnte Meyer-Nutteln insbesondere auch die beiden Heimatvereine aus Garrel und Friesoythe, die erstmalig Schöffen stellten und den Beitritt zu der Interessengemeinschaft durch eine Steinsetzung bekundeten. Günter Buschenlange und Stefan Kühling, den beiden Vorsitzenden der Heimatvereine, wurden unter Beifall der etwa 300 Gäste je eine Urkunde überreicht. Der Heimatverein Friesoythe brachte auch den diesjährigen historischen Fall vor das Gogericht unter der Leitung des Gografen Bernhard Möller aus Friesoythe (stellvertretender Landrat), dessen Hintergrund sich in einer Legendensammlung aus dem 19. Jahrhundert findet.

Die Schöffen des Heimatvereins Garrel zusammen mit dem Gografen vor dem wenige Tage zuvor gesetzten neuen Stein des Vereins auf dem Desum (v.l.n.r.): Günter Buschenlange, Maria Ameskamp, Bernhard Möller, Maria Standt, Wolfgang Tönnies
Gograf Bernhard Möller verleiht Urkunden für die Steinsetzung

Die Sage erzählt von einem Schinken, der die Pest aus Friesoythe vertrieben haben soll. Während einer schweren Pestzeit mitten im 17. Jahrhundert, in der ganze Familien starben, soll ein Bauer einen besonders großen und saftigen Schinken in seiner Räucherkammer gehabt haben. Als die Pest in Form einer blauen Wolke über die Stadt zog, soll der Schinken diese Wolke durch das Schlüsselloch der Kammer angezogen und gebannt haben. Durch das „Einschließen“ der Pestwolke wurde die Stadt vor dem Tode bewahrt. Dies sprach sich herum und so wurde der Schinken auch an andere Ortschaften ausgeliehen. Doch wie durch ein Wunder war er am nächsten Morgen immer wieder zurück in der Kammer. Der Schinken, schwarz und unverweslich geworden, konnte offenbar einfach nicht aus dem „Wiemen“ weggenommen werden und wurde wahrscheinlich infolge der ständigen Beräucherung dauerhaft konserviert.

 

Der sagenumwobene Pestschinken. Ursprünglich hatte man angenommen, er sei 1350 hergestellt worden; mittlerweile geht man davon aus, dass er aus der Mitte des 17. Jahrhunderts stammt.

Auch die Zerstörung der Stadt im 2. Weltkrieg überstand der Pestschinken: der letzte Erbe hatte den Schinken kurz vorher auf seinen eigenen Hof außerhalb Friesoythes verbracht. Der Medikus der Stadt Friesoythe, Dr. Hans Schäfer, berichtete dem Bürgermeister Kruse und dem Stadtrat von dem Pestschinken, die die wundersame Wirkung des Schinkens offiziell als Wunder anerkennen ließen. Der Bekanntheitsgrad des Schinkens brachte den Schlachter Reimers und den Bauern Cloppenburg, auf dessen Hof das alte Dienst-Pferd des Gendarmen Tappehorn, ein Schimmel, sein Gnadenbrot bekam, auf eine Geschäftsidee: Das Pferd wurde, nachdem es dem Bauern überlassen wurde, geschlachtet. Und aus dem Fleisch stellten zuerst Reimers und später auch Cloppenburg Schinken her und verkauften diese gewinnbringend als Pestschinken. Den Erlös strichen sie In die eigenen Taschen; den Bedarf an weiteren Schinken stillten sie durch Schlachtung weiterer Pferde. Bürgermeister Kruse missfiel das sehr, da die verkauften Schinken nichts mit dem gemeinhin als Wunder angesehenen Pestschinken zu tun hatten. Und so wollte er vor Gericht klären lassen, wer denn nun die Rechte an dem Schinken und dessen Vermarktung hatte.

 

Das Urteil

Nach der vom Heimatverein Friesoythe launig gespielten Verhandlung und der anschließenden Beratung der Schöffen im Umstand wurde vom Gografen das Urteil verkündet: Einzig die Stadt Friesoythe, die den Schinken als Wunder anerkennen ließ, habe das Recht zur Vermarktung des Pestschinkens. Damit war es Bauer Cloppenburg und Schlachter Reimers auch untersagt, weitere Schinken als Pestschinken zu verkaufen. Außer dem ortsüblichen Schlachtgeld und dem Geld für das Fleisch des „Amts- Schimmels“ vom Gendarmen Tappehorn stünde den beiden kein weiterer Erlös zu; die erzielten Gewinne aus dem Verkauf der Schinken anderer Pferde mussten sie an die Stadt abgeben.


Auch wenn aus heutiger Sicht der Fall kurios erscheinen mag: Den Pestschinken gab es wirklich. Heute ist er in einer Vitrine Im Friesoyther Rathaus ausgestellt.

 

Die Prozessbeteiligten (v.l.n.r.): Der Medikus der Stadt Friesoythe, Dr. Schäfer; Bürgermeister Kruse; Gendarm Tappehorn; Bauer Cloppenburg und Schlachter Reimers
Gruppenfoto mit Gograf, Prozessbeteiligten und allen Schöffen der Heimatvereine

 


 Text und Fotos (sofern nichts anderes vermerkt): Wolfgang Tönnies