Zwischen zwei Welten: Lübbert Kruizenga zu Gast beim Heimatverein Garrel

Unser Vorsitzende Günter Buschenlange konnte einen Gast begrüßen, dessen Lebensweg eine faszinierende Brücke über den Atlantik schlägt

Garrel, 26.03.2026 | Ein Hauch von weiter Welt wehte durch das Gasthaus „Zum Schäfer“, als der Heimatverein Garrel zu einem besonderen Abend mit Lübbert Kruizenga lud, an dem auch der Oldenburger Auswanderer-Experte Dr. Wolfgang Grams und unser Bürgermeister Thomas Höffmann teilnahmen.

Günter Buschenlange begrüßte Lübbert Kruizenga (links) aus Minneapolis / Minnesota, der in Ostfriesland aufgewachsen und 1998 mit seiner Frau nach Amerika ausgewandert ist

Von Ostfriesland nach Amerika

Geboren 1964 in Leer und aufgewachsen in Weener (Ostfriesland), ist Kruizenga seit 1998 in Minneapolis / Minnesota zu Hause. Doch die Verbindung zu seinen Wurzeln ist nie abgerissen – nicht zuletzt, weil er fließend Plattdeutsch spricht. Diese Sprachverbundenheit führte auch zu einer besonderen Freundschaft: Kruizenga ist mit dem bekannten Moderator Yared Dibaba vom NDR befreundet, der sogar schon eine TV-Reportage über den Wahl-Amerikaner und dessen Leben in den USA gedreht hat. Laut seiner Frau Hertha, ebenfalls aus Ostfriesland, sei er ohnehin eine ganz eigene Mischung: „Er fühlt sich als Ostfriese und als Amerikaner“, scherzte sie über seine doppelte Staatsbürgerschaft. Lübberts Liebe zur alten Heimat zeigt sich auch in seiner Garage: Mit Leidenschaft fährt er deutsche Klassiker wie einen VW Käfer und einen VW Bulli T2, der von seinem Enkel mit einem großen Graffiti verschönert wurde: „Ostfriesenbulli“ ist auf der Fahrerseite zu lesen.

In seiner (nicht mehr ganz so) neuen Heimat Minnesota, einem nördlichen US-Bundesstaat im mittleren Westen mit einer Grenze zu Kanada, fühlen sich die Kruizengas rundum wohl. Der Bundesstaat ist als „Land der 1000 Seen“ bekannt. Etwa ein Drittel der Fläche ist bewaldet. Der Staat hat etwa 5,8 Millionen Einwohner, von denen etwa 60 % im Großraum Minneapolis-Saint Paul (bekannt als „Twin Cities“) wohnen. Die Verteilung der Einwohner auf Stadt und Land korreliert mit dem Wählerverhalten: im Großraum der Twin Cities wird überwiegend demokratisch und auf dem Land überwiegend republikanisch gewählt.

Auswandern heute: Pendeln statt Abschied für immer

In seinem Vortrag beleuchtete Kruizenga den Wandel der Migration. Für die ersten Auswanderer bedeutete die wochen-, teils monatelange beschwerliche Reise oft ein Abschied für immer. Kontakt mit der Heimat gab es nur per Brief. Heute ist die Situation eine gänzlich andere: als moderner Pendler, so formulierte es Dr. Grams, überfliegt Kruizenga im Schnitt viermal jährlich den Atlantik oder bekommt Besuch aus Europa, ganz zu schweigen von den modernen Kommunikationsformen wie Videotelefonie. Die räumliche Distanz ist gewissermaßen geschrumpft, und die Verbindung ist geblieben.

Leben in Minnesota: Zwischen Herzlichkeit und harten Wintern

Kruizenga räumte mit einigen Vorurteilen auf und berichtete lebhaft von seiner neuen Heimat:

  • Die Menschen: Besonders hob er die Herzlichkeit der allermeisten Amerikaner hervor. Diese stehe oft im krassen Gegensatz zur medialen Darstellung in Deutschland, die häufig ein einseitiges Bild zeichne.
  • Das Klima: Er erzählte von den frostigen Wintern Minnesotas, die von herrlich warmen, intensiven Sommern abgelöst werden.
  • Die Politik: Er präsentierte stolz das demokratisch geprägte Minnesota, dass dem aktuellen Präsidenten Paroli bietet, indem es sich nicht von ihm provozieren lässt.

Deutlich wird dies an der Reaktion der Menschen und des Gouverneurs Tim Walz auf die Entsendung und den harten Einsätzen der Einwanderungsbehörde ICE. Zwei Menschen wurden erschossen, dennoch blieb es bei friedlichen Protesten. Statt dessen agiere die lokale Polizei in seiner Region oft als „Freund und Helfer“ und versucht, die Menschen vor Ort so gut wie möglich zu schützen – auch vor ICE.

Kruizenga ging aber auch auf drastische Fehler der Polizei ein und erinnerte an den Tod von George Floyd, einem 46-jährigen Afro-Amerikaner, der 2020 ermordet wurde. Der weiße Polizeibeamte Derek Chauvin kniete über neun Minuten lang auf Floyds Nacken, während dieser bäuchlings auf dem Asphalt lag. Floyd flehte wiederholt um sein Leben und rief mehr als 20-mal „I can’t breathe“ (Ich kann nicht atmen). Der Beamte wurde später wegen Mordes zweiten und dritten Grades sowie wegen Totschlags zu einer langen Haftstrafe verurteilt.

Lübbert referierte kurzweilig über Land und Leute in Minnesota
Aus konzentriertem Zuhören beim Vortragsabend wurde später ein lebhaftes Diskutieren

Ein kritischer Blick auf die US-Politik

Auf das Thema Donald Trump ging Kruizenga im Zusammenhang mit der ICE-Behörde ausführlicher und sehr kritisch ein. Durch bewusste Selbstinszenierung, einfache Slogans und das Erklären von „Siegen“ – teils unabhängig von tatsächlichen Ergebnissen – agiere der Präsident eher wie der Hauptdarsteller in der eigenen Reality-TV-Show. Sein Politikstil erwecke maximale und dauerhafte mediale Aufmerksamkeit und Provokationen gegenüber sachorientierten Inhalten, was Experten oft als „Great Television“ statt klassischer Demokratie beschreiben. Von Trumps „Politik-Show“ ließ er nur einen einzigen positiven Punkt gelten:

Trump habe Deutschland wachgerüttelt. Während alle US-Präsidenten vor ihm vergeblich forderten, dass Deutschland mehr in die eigene Verteidigung und die NATO investieren müsse, habe erst Trumps Auftreten dazu geführt, dass man in der Bundesrepublik endlich aktiv wurde. Die Ausführungen mündeten in eine lebhafte Diskussion mit dem Publikum über die aktuelle US-Politik, die nicht nur bei uns, sondern auch in den USA äußerst umstritten ist. Kruizenga scherzte später, dass er zuvor gemeinsam mit Bürgermeister Höffmann und Günter Buschenlange im kleinen Kreis des eigentlich schon alle weltpolitischen Probleme gelöst habe.

Im Garreler Rathaus: Günter Buschenlange, Lübbert und Hertha Kruizenga, Bürgermeister Thomas Höffmann
Aus Amerika nach Amerika: Günter Buschenlange, Maria Blömer sowie Hertha und Lübbert Kruizenga mit ihren Amerika-Zertifikaten
Zum Abschied gab es Geschenke und das Versprechen auf ein Wiedersehen

Reise nach „Amerika“ – ohne Flugzeug

Vor der eigentlichen Veranstaltung stand ein lokales Highlight auf dem Programm: Garrels Bürgermeister Thomas Höffmann empfing Hertha und Lübbert Kruizenga im Rathaus und informierte beide umfassend über unsere Gemeinde. Nach der Theorie übernahm Günter Buschenlange die Praxis und führte die Kruizengas durch Garrel - natürlich durfte ein Besuch im Ortsteil Amerika nicht fehlen. Dort wartete eine besondere Ehre auf die beiden Besucher aus den USA: Maria Blömer - unser Ehrenvorstandsmitglied - verlieh den beiden das begehrte „Amerika-Zertifikat“ des Heimatvereins. Dieses Dokument belegt, dass Lübbert und Hertha auf ihrem Besuch aus Amerika zwischenzeitlich wieder in Amerika waren – und das ganz ohne Schiff oder Flugzeug, sondern lediglich durch einen Spaziergang auf Garreler Boden - und einer kleinen Anfahrt mit dem Auto. Ein humorvoller Abschluss für einen Abend, der zeigte, wie eng die große Weltpolitik und die kleine Heimat miteinander verknüpft sein können.

Text: Wolfgang Tönnies

Fotos: Wolfgang Tönnies & Günter Buschenlange